Jazz-Club-Tour

- aboutpixel.de / Sax up my life © Arnim Schindler
1. Abend : Bar 227 an der Sternbrücke Altona
Um 21.30 werde ich bereits von Mischa Schumann, dem „Schatzmeister“ des Jazzbüros, und von Gabriele Benedix, der Geschäftsführerin, erwartet. Sie hat die Tour dankenswerterweise organisiert und wird mich in den nächsten Tagen mit etlichen Aktiven der Jazz-Szene bekannt machen. Torsten Zwingenberger kommt hinzu, auch Christa Brockmann, unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fraktion.
Kleine Kneipe, Bühne. Wie viele mögen reinpassen? 60 Personen vielleicht. Gabriel Coburger berichtet von einem übervollen Haus vor ein paar Tagen, die Mund-zu-Mund-Propaganda hatte bekannt gemacht, dass Gunter Hampel, das ehrwürdige Jazz-Multitalent, auftritt.
Heute aber ist echtes Improvisieren angesagt, denn die angekündigte Gruppe aus Leipzig kommt nicht. Dafür Coburger am Saxofon, Schumann am Piano, zwei weitere an Bass und Schlagzeug. Kennen sich schon lange, gehen gut auseinander sein. Kleines Publikum, spannende Musik!
Die Gespräche vor Programmbeginn und in der Pause kreisen um die Szenen in Berlin und Köln, um den Aufruf der jüngst wiedergegründeten Union deutscher Jazzmusiker und ihren Aufruf http://de-de.facebook.com/Jazzmusiker . Welche Gage kann eine auswärtige Band beanspruchen? Mit oder ohne Unterkunft und Reisekosten? Wir von der SPD in Hamburg wollen die Förderung des Jazz verbessern. Jetzt heißt es aber erst einmal zuhören – der Musik und den anregungsreichen Gesprächen.
2. Abend: Cotton Club am Großneumarkt
Junge frische Hotjazz- und Swing-Band Shreveport Rhythm
Das Gespräch mit Dieter Roloff, einem der Hamburger Jazz-Veranstaltungs-Urgesteine kreist um die jahrzehntelange Arbeit in einem Life-Musik-Keller mit fester und weit reichender Fan-Gemeinde. Jeden Abend ein Life-Programm – das ist schon eine besondere Herausforderung. Wenn’s schon seit Jahren so ist und klappt, dann haben sich dabei Routinen entwickelt, die Aufwände und Risiko reduzieren helfen. Allerdings bleibt die Frage, wer schließt die Lücke, wenn eines Tages einmal…? Denn Hamburg ist nicht reich an Lokalitäten dieser Art. Und wie kommen junge oder neue Musiker ins Geschäft? Dieter Roloff berichtet, dass ab und an Menschen kommen (z.B. Bigbands aus Schulen, einzelne Musiker), die Aufführungsorte suchen. Über Honorare und Nebenabreden spricht man nicht gerne und schon gar nicht öffentlich. Da hat Dieter Roloff ein ordentliches Hotel zu günstigen Konditionen in der Nähe… Welches? No Comment.
Vom Tresen wieder zurück an die kleine Bühne. Die 60er Jahre aus der River-Kasematten-Zeit fallen mir wieder ein. Viele Bands damals mit Anzug und schmalem Schlips. Jetzt hier auch wieder. Schön zu sehen! Gut zu hören!
3. Abend: Von der Bar Italia zum Birdland
Ein Hinterhof in Eppendorf kann wunderschön sein, selbst im schmuddeligen Februar. Durch große Fenster blickt man von außen hinein, sieht die Musiker aufbauen und die Gäste eintrudeln. Vor 5 Jahren machte Wilfried Lottmann eine Wochenend-Jazz-Reihe in diesem schicken kleinen Speiserestaurant auf. Keine plätschernde Hintergrundmusik, sondern anspruchsvolle Musik zum Essen. Zugegeben, man verzehrt das Essen eher wortkarg, weil zuhörend und applaudierend; oder aber sich unterhaltend (mit schlechtem Gewissen und überdies seine(n) Gegenüber nicht immer gut verstehend); die Musiker vom Hammerklavier Trio scheint’s indes nicht zu stören. Im Gespräch mit dem Pianisten Boris Netzvetaev stellt sich heraus, dass viele kleine Clubs von den Musikern erwarten, ihre Instrumente und sonstiges Equipment mitzubringen. Klar für Klarinette, Saxophon oder Gitarre. Aber Schlagzeug, Klavier/Keyboard und gar Micros, Verstärker, Boxen? Hier könnte mal ein Förder-Augenmerk verwandt werden, findet auch Gabriele Benedix vom Jazz-Büro. Musiker-Honorare? Kein Hunger-Lohn mehr wie noch vor Jahren in der Szene, - aber auch kein Anlass für Freudentänze. Die Liebhaberei kostet die Bar Italia - Betreiber jedenfalls ein ganz schönes Sümmchen extra im Jahr.
Da ist das Birdland in der Gärtnerstraße anders. Es dreht sich um eine der ganz großen Hamburger Jazz-Adressen, seit 1985. Und das weiß der Betreiber Dieter Reichert, selbstbewusster und zugleich einfühlsamer Chef des Familienunternehmens und Vorsitzender der „Jazz Federation Hamburg e.V.“ gut. Mit dem Verein im Rücken kann er Honorare ggf. mal mit MuZu (Musik-Zuschuss, einer der Vereins-Zwecke) aufstocken. Den Mitgliedern bringt’s u.a. freien Eintritt. Der eine Sohn macht das Booking, der andere hat weitere Aufgaben, Ehefrau ist für die Werbetexte zuständig und Dieter Reichert für alles, einschließlich des abendlichen Feintuning der Verstärkeranlage. Wunderschöne Acryl-Portraits der Jazz-Größen an den Wänden (Malerin: Frau Reichert). Heute Abend: Knüppelvoll. Banda Viva Latin Quintet, mit musikalischen Einlagen weiter Musiker. Hin- und mitreißend: Leila Pantel aus São Paulo. Virtuos ihre Mitmusiker. Honorare: Die Musiker sind beteiligt am Eintrittskarten-Umsatz. Gute Idee, schafft Anreize. Ist aber auch nur machbar, wo die Besucherzahl eine bestimmte Größe erreicht. Im Birdland eben.
4. Abend Hafenbahnhof/Jazzraum
An der großen Elbstraße, direkt hinter den neuen schicken Glashäusern mit ihren Gourmet-Tempeln gibt es ein kleines unscheinbares Gebäude, das es in sich hat. 100 Jahre alt diente es als Aufenthaltsgebäude vor dem „Schellfisch-Tunnel“ zum Bahnhof Altona, stand dann lange leer und wird seit 2006 als Live-Club genutzt. Jeden Montag gibt’s Jazz vom Feinsten. Frau Benedix vom Jazzbüro ist schon vor Ort, muss mit dem Fahrrad auch nur den Hang runter. Ich dagegen, ganz von Bergedorf kommend bei Sprühregen…. Ich habe die „Konrad Ullrich ReSearch“ gehört. Tolles Ensemble, bei dem sich die Musiker gegenseitig breiten Raum für Improvisation geben. Mich haben besonders die Korrespondenzen zwischen Bass und Schlagzeug sowie den beiden Blechbläsern beeindruckt. Auch hier, wie in der Bar 227, kleiner Raum für max. 50/60 Gäste, Jazzkeller-Atmosphäre. Mücke Quinckhardt, die Vorsitzende des Jazzbüro e.V. kennen gelernt. Interessanter Austausch, trotz akustisch raumfüllender Musik. Die Szene kennt sich. Mehrere Musiker der NDR-Bigband vor Ort.
Heute schrieb das Abendblatt in einem großen Beitrag vom Verfall der Jazz-Musik in Hamburg. http://www.abendblatt.de/kultur-live/article2199464/Jazz-in-der-Krise-Es-swingt-nicht-mehr-in-Hamburg.html Mag sein, dass vieles richtig ist in der Einschätzung. Gibt es wirklich immer weniger Zuhörer? Gerade die Auftritts-Möglichkeiten in Clubs will ich kennen lernen. Nächster Termin: 1. Sonntag im April im Foolsgarden. Da ist immer Stelldichein der Studenten aus der HfMT.

